Mein Name ist Jesse Carter. Also… eigentlich nicht. Eigentlich heiße ich José Ernesto Santiago Salvador Emilio Carter. Ja, richtig gelesen. Mein Name klingt wie eine mexikanische Revolution, die jemand auf eine Hochzeit eingeladen hat. Meine Abuelita wollte mich José nennen, mein Vater fand, mein Name müsse meine ganze Geschichte erzählen, und so bekam ich mehr Vornamen, als ein Mensch vernünftigerweise braucht. Bei meiner Taufe war der Priester irgendwann so müde, dass er bei „Santiago“ eingeschlafen sein soll. Also wurde beschlossen, mich einfach Jesse zu nennen. Kurz, einfach und vor allem leicht zu rufen, wenn ich mal wieder Ärger hatte.
Ich bin zwischen zwei Welten aufgewachsen. Meine Mutter war eine Amerikanerin aus Kentucky, mit Bibelzitaten, Buttermilch und der festen Überzeugung, dass man selbst einer Klapperschlange freundlich begegnen sollte. Mein Vater kam aus Mexiko, war ein stolzer Mann mit einem Schnurrbart, der vermutlich seinen eigenen Sattel gebraucht hätte, und sprach kaum Englisch. Ich wuchs also mit zwei Sprachen auf. Das klingt beeindruckend, bis man merkt, dass ich in beiden gleichzeitig Unsinn reden kann. Englisch, Spanisch und irgendeine Mischung dazwischen, die vermutlich weder Gott noch der Teufel vollständig verstehen. Schon als Kind bekam ich statt gewöhnlicher Gutenachtgeschichten abwechselnd Psalmen und Geschichten von Revolutionen, Pferden und Männern erzählt, die meine Mutter lieber nicht gekannt hätte. Ich lernte früh, dass „Sí, mamá“ einen Keks bringen konnte und „No, mamá“ meistens bedeutete, dass ich für eine Weile besser sehr still war.
Irgendwann wurde aus dem Jungen ein Cowboy. Ich habe geritten, gearbeitet, geschossen, bin durch verschiedene Städte gezogen und habe mehr Saloons gesehen, als einem vernünftigen Menschen eigentlich guttun. Dabei lernte ich, dass ein guter Saloon schwer zu finden ist, ein schlechter dagegen immer genau dann auftaucht, wenn man Durst hat. In einem bekam ich Whiskey in einer Suppentasse, in einem anderen bestellte ich Wasser und bekam etwas, das zwar aussah wie Wasser, aber nach Enttäuschung schmeckte. Und irgendwo in New Austin bestellte ich einmal einen Gin Tonic, worauf der Barkeeper erst selbst davon trank und mir anschließend sein Glas gab. Ruby und ich sahen uns damals nur an und dachten dasselbe: Das können wir besser.
Ruby ist meine Frau, mein Herz, mein Kompass und gleichzeitig mein persönliches Wörterbuch. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich schon längst verhungert, erschossen worden oder hätte aus Versehen ein ganzes Dorf beleidigt. Sie hat die seltene Gabe, aus meinen Sätzen herauszuhören, was ich eigentlich sagen wollte. Ich dagegen habe die seltene Gabe, aus einem einfachen Sprichwort eine völlig neue Sprache zu machen. „Viele Wege führen nach Rom“ wurde bei mir einmal zu „Viele Wege führen nach Tequila“. „Besser spät als nie“ wurde zu „Lieber langsam als mit Salat“. Warum Salat? Ich weiß es selbst nicht. Es klang gesund. Ruby sagt, mein Kopf sei wie eine Enchilada – viel drin, aber keiner weiß genau, was. Ich halte das für ein Kompliment.
Auch meine Hochzeit mit Ruby war nicht frei von sprachlichen Katastrophen. Ich wollte meine Gelübde auf Spanisch sagen, weil Spanisch romantischer klingt. Also erklärte ich Ruby, sie sei mein „queso fundido“, mein geschmolzener Käse. Sie fragte mich anschließend, ob ich sie gerade wirklich Käse genannt hätte. Ich sagte ja. Sie seufzte und sagte, sie liebe mich trotzdem. Da wusste ich, dass diese Frau entweder wirklich für die Ewigkeit bestimmt ist oder einfach eine unglaubliche Geduld besitzt.
Beim Kochen dagegen hat meine Ehe eine klare Grenze bekommen. Ich wollte Ruby einmal mit Frühstück überraschen. Ich hatte kein Mehl, der Herd funktionierte nicht und ich hielt eine Laterne für eine brauchbare Alternative zum Toaster. Das Ergebnis war schwarzes Brot, verbrannte Eier und etwas, das ich stolz „Jesse’s Wild West Waffeln“ nannte. Ruby probierte einen Bissen, trank danach einen halben Krug Wasser und sagte nur: „Jesse. Du darfst nicht mehr kochen.“ Seitdem gehört die Küche ihr. Ich kümmere mich lieber um die Bar. Da kenne ich mich aus. Ich weiß, wo das Feuer hingehört – ins Glas und nicht unter den Tisch.
Heute sehe ich mich als einfachen Mann mit einem großen Herzen, zu vielen Geschichten und eindeutig zu wenig Grammatik. Ich bin kein großer Revolverheld und kein großer Philosoph, auch wenn ich mich manchmal für Letzteres halte. Ich bin einfach Jesse. Ein Cowboy, der in zwei Sprachen sprechen kann und trotzdem manchmal keine davon richtig beherrscht. Ich habe Fehler gemacht, Menschen zum Lachen gebracht, andere versehentlich beleidigt und wahrscheinlich mehr Unsinn erzählt, als ein Mensch erzählen sollte. Aber ich habe Ruby an meiner Seite, ein Pferd unter mir und genug Geschichten, um noch ein paar Jahre damit zu verbringen, anderen Leuten damit auf die Nerven zu gehen.
Und wenn ich eines Tages alt bin und auf mein Leben zurückblicke, hoffe ich, dass ich mich an die Reisen, die Saloons, die schlechten Entscheidungen und vor allem an Ruby erinnere. Vielleicht werde ich mich dann auch daran erinnern, warum zum Teufel damals überhaupt ein Hufeisen in unserer Küche lag. Bis dahin reite ich weiter, erzähle weiter Geschichten und sage wahrscheinlich weiterhin Dinge, die ich eigentlich gar nicht sagen wollte.
Denn ich bin Jesse Carter. Oder José Ernesto Santiago Salvador Emilio Carter, wenn der Priester gerade Zeit hat. Und das ist meine Geschichte. Zumindest die Version, an die ich mich erinnern kann. Der Rest kennt wahrscheinlich Ruby.
